Die Kunst, nichts zu tun.

„Shavasana“ gilt als die schwierigste aller Asanas. Doch nicht nur während der Endentspannung einer Yogastunde fällt es uns schwer, einfach einmal „nichts“ zu tun.

In unserer Welt und Kultur sind wir getrieben von Erfolg, Leistung sowie dem ständigen Schaffen und Tun. Vorausgesetzt, in Karriere und Privatleben verläuft alles nach Plan, kann man ein mehr oder weniger sorgenfreies Leben genießen. Das ist schön, das tut gut, das macht auch Spaß – doch im Endeffekt geht es um viel mehr als das.

Es geht um etwas Entscheidendes im Zusammenhang mit unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit: das, was wir leider verlernen oder, noch schlimmer, schon von Kindesbeinen an abtrainiert bekommen – einfach einmal nichts zu tun. Die Stille zu genießen und in sie einzutauchen.

Reisfeld in Ubud | Bali | 2017

Bei sich zu sein, in Gedanken zu versinken, den Moment zu genießen, den Schmetterling zu beobachten oder bewusst der Wanderung eines Wassertropfens an der Fensterscheibe zuzusehen. Wenn man stets getrieben ist und durch ein schlechtes Gewissen das Gefühl bekommt, immer etwas tun zu „müssen“, gehen diese beeindruckenden und vor allem wunderschönen Momente des Alltags vielleicht verloren.

Diese kleinen, ganz großen Momente, die das Leben schön machen und uns wortwörtlich in den Moment holen. Wir sorgen uns ständig um die Zukunft und können Vergangenes einfach nicht loslassen. Wir verlernen, im Hier und Jetzt zu sein und das Leben mit all seinen Facetten wahrzunehmen.

Wenn man es dann ab und zu in eine Yogastunde schafft, wird man wieder daran erinnert und nimmt sich vor, dieses Wissen im Alltag umzusetzen. Jeder kleine Moment, in dem dies dann gelingt, ist ein Geschenk, und man kann versuchen, am nächsten Tag zwei kleine Momente daraus zu machen.

Was hat mich dazu bewegt, über das „Nichtstun“ zu schreiben?
Ich wurde während meiner Yogareise auf Bali wieder einmal daran erinnert, wie schwer es ist, einfach nichts zu tun. Selbst wenn man sich jeden Tag bewusst mit Yoga, Meditation und seinem Inneren beschäftigt. Loszulassen, alles liegen und stehen zu lassen und einfach nur zu sein – das ist auch hier eine Herausforderung. Ich besuche jeden Tag zwei bis drei Yogastunden, Meditationen oder Workshops. Begleitet wird mein Alltag von bewusstem Essen, grünen Smoothies und regelmäßigem Schlaf. Doch dann erfuhr ich, dass mein Lieblings-Yoga-Platz für zwei Tage die Türen schließt, um Renovierungen vorzunehmen. Soweit kein Problem, denn Ubud hat viel mehr zu bieten – vor allem auch in Bezug auf Yoga.

Doch plötzlich überkam mich das Gefühl, an diesen zwei Tagen auf Biegen und Brechen etwas Touristisches unternehmen zu „müssen“. Allerdings hatte ich einfach kein Bedürfnis dazu und bekam gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. Zwei Tage Nichtstun – vielleicht einfach nur herumliegen, die Palmen anstarren, die schwüle Luft inhalieren und dem Vogelzwitschern lauschen, in einem fremden Land, als Touristin. Unüblich.

„Nichtstun“ hört sich faul an, als würde nichts passieren und das Leben an einem vorbeiziehen. Im Gegenteil: Beim „Nichtstun“ passiert sehr viel. Man setzt sich mit dem „Ich“, auseinander und schafft somit mehr Bewusstsein, übt Achtsamkeit, nimmt den Moment wahr und läuft vor nichts davon – vor allem nicht vor sich selbst. In sich zu gehen, zuzuhören, seine Bedürfnisse zu erkennen und anzunehmen, was ist, erfordert jede Menge Mut, Kraft und Überwindung.

Wieder überkommt mich ein komisches Gefühl. Ich versuche, mein Gewissen zu beruhigen, und mir schwebt durch den Kopf: „Ich könnte einen Vulkan besteigen, auf eine andere Insel schippern, einen Kochkurs machen?“ Aber ich verspüre keine Motivation dazu und möchte mich die nächsten Tage einfach nur treiben lassen. Wohin auch immer.

In meinem Inneren habe ich wohl die Angst vor der Frage, was ich während der Wochen auf Bali unternommen hätte. Meine Antwort lautet: „Yoga“. Ganz einfach. Aufgrund meines hektischen Alltags zu Hause, der mich viel herumbringt, schätze ich gerade nichts mehr, als jeden Tag am selben Ort zur selben Uhrzeit aufzuwachen und einfach nur zu sein. Ich liebe es, und es entspannt mich.

Canggu | Bali | 2017

Das ganze Jahr über Termine, Wecker, hier und da, sich anpassen, auf andere eingehen. Das ist alles in Ordnung. So ist das Leben, so ist der Alltag. Doch dürfen wir nicht unsere Ich-Zeit vergessen und sie uns auch bewusst nehmen.

Wir alle haben schon einmal den Spruch gehört: „Nur wenn es DIR gut geht, geht es auch deinen Mitmenschen gut.“ Da ist etwas Wahres dran. Wir sollten aufhören, ein schlechtes Gewissen zu haben, uns kleine Auszeiten zu gönnen und in dieser Zeit nichts und niemandem Rechenschaft, Erklärung oder sonst etwas schuldig zu sein.

Mach, worauf du Lust hast – und noch besser: Mach manchmal gar nichts. Starr auf den Horizont, am besten stundenlang, und achte darauf, was sich in dir tut, was passiert. Dein Geist wird vorerst sicherlich zum „Monkey Mind“, doch dann kann es auch sehr leicht passieren, dass einfach nur Ruhe und Entspannung eintreten und du bei dir ankommst.

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10 Momente, die deiner Seele guttun.